Altruistische Architektur

12.06.2020

Das Herz von Roman Vesely, Geschäftsführer der Firma Vesely Architekten schlägt bereits seit 2011, als er bei Professor Hans Kollhoff an der ETH Zürich sein Architekturstudium abgeschlossen hat, für die klassische Architektur. Bei seiner täglichen Arbeit versucht er diesen Leitgedanken zu integrieren und verwendet dabei gerne den Begriff der altruistischen Architektur.

Interview vom 12.06.2020 / Bild: Neumarkt Zürich

Was ist altruistische Architektur?

Bei altruistischer Architektur geht es primär um den Menschen und seine Gefühlswelt, wenn er mit Architektur in Berührung kommt. Dabei werden Umgebung, Materialien und die Nutzung der Innen- sowie Aussenräume in das Gesamtkonzept integriert. Die Architektur soll dabei einem guten Zweck dienen. Dies tut sie auf zwei Arten; indem sie im Menschen ein Wohlempfinden auslöst und sich dazu unaufdringlich in die jeweilige Umgebung integriert. Dies geschieht dann, wenn der Mensch und nicht die Architektur im Mittelpunkt steht. Altruistische Architektur hält sich entschieden zurück und strahlt dabei aber gleichzeitig Stärke, Geborgenheit, Sicherheit und vor allem Behaglichkeit aus. Es entsteht eine Balance aus Gegensätzen, welche der Architektur schlussendlich ihre Stärke und Ruhe verleiht.

Altruistische Architektur findet sich zum Beispiel in Altstadteilen überall auf der Welt. Die Häuser bilden zusammen eine Einheit welche wir dann als Stadtteil bezeichnen, dennoch bleiben die Häuser einzeln ablesbar und sind charakterstark. Das Gegenteil davon sind die Agglomerationsviertel in der Schweiz. Hier steht jedes Haus nur für sich selbst und nimmt nicht Bezug auf die Umgebung. Auch die Stellung und Ausrichtung der Häuser ist meistens völlig unabhängig voneinander. Die dadurch entstandenen losen Aussenräume empfinde ich als sehr unattraktiv.

Wieso altruistische Architektur?

Bei der, etwas zynisch genannten «Ego-getriebenen» Architektur, wie man sie gegenwärtig oft antrifft und wie sie auch in den Bildungsinstitutionen gelehrt wird, geht es in erster Linie um den Architekten und seine individuelle Ausdrucksform in der Architektur. Im Laufe der Zeit, habe ich diese Betrachtungsweise vermehrt hinterfragt und mich auf die Suche gemacht, worum es in der Architektur wirklich geht. Dabei ging es mir um eine umfassendere Betrachtungsweise und insbesondere auch um die gesellschaftliche Verantwortung, die Architektur und somit auch der schaffende Architekt übernehmen soll.
Es geht um einen Perspektivenwechsel – vom Architekten, der sich ausdrücken möchte und sich somit zwangsläufig in den Vordergrund drängt, zu einen grösseren Kontext, der den eigentlichen Zweck der Architektur wieder vermehrt in den Vordergrund rückt. Architektur soll als dem Menschen, der mit ihr in ein Austauschverhältnis kommt als Reflexionsfläche dienen. Architektur soll als den Menschen unterstützen – sie soll dem Menschen etwas geben – selbstdarstellerische Gestaltungsexperimente haben darin keinen (oder wenig) Platz.

Was ist anders an altruistischer Architektur?

Die Materialauswahl fokussiert sich stark auf das Behaglichkeitsgefühl und Wohlbefinden des Menschen. Dies sind insbesondere Materialien, wie Holz, Stein aber auch Verputz. Materialien, wie Glas, Metall oder Plastik werden vermieden. Die Architektur soll über eine kräftige Tragestruktur verfügen, die Stärke ausstrahlt. Die Kräfte sollen dabei senkrecht und ohne Umwege in den Boden geleitet werden. Ein Gebäude wird dadurch standhaft, schützend, strahlt Robustheit und Stabilität aus. Die optische Aufteilung des Gebäudes wird meistens in drei Teile unterteilt (Sockel, Mittelteil, Abschluss). Jeder Teil dient dabei einem etwas anderen Zweck. Der Sockel ist beispielsweise der Teil, mit dem die Menschen am stärksten in Kontakt treten, da sich dort der Gebäudeeingang befindet oder Velos und Kinderwägen abgestellt werden. Es ist auch der Teil, der von den Menschen am ehesten wahrgenommen wird, weshalb es beispielsweise wichtig ist, dass der Sockel eine gewisse Wertigkeit vermittelt und anders als der Rest des Gebäudes gestaltet sein kann. Grundsätzlich sollen alle Teile des Gebäudes in Balance zueinanderstehen, wodurch Ordnung, Stabilität und Sicherheit ausgestrahlt wird.

Wie wird altruistische Architektur bei Vesely Architekten umgesetzt?

In einem konkreten Projekt, geht es in erster Linie darum, die Bedürfnisse des Kunden abzuholen. Dabei wird unter anderem auch ermittelt, was die Architektur der Bauherrschaft oder der Nutzer des Gebäudes geben soll, wenn sie mit ihr in Berührung kommen. Dieser Prozess entsteht in einem engen Austauschverhältnis mit der Bauherrschaft und dient als erste Basis für die Konzepterarbeitung eines Projektes. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass die gegebene Umgebungsstruktur ebenfalls in der architektonischen Gestaltung weitergeführt wird – es soll zu einer Verwebung mit der Umgebung kommen – ob im Stadtzentrum, am Stadtrand oder auf dem Land. Vorhandene Farben, der Grasanteil, bestehende Geometrien, Grösse und Materialien werden dabei berücksichtigt und darauf eingegangen. Es geht in jedem einzelnen Projekt darum, die Balance zwischen Gegensätzen zu finden – zurückhaltend aber stark – ruhig aber spannend – flexibel aber integer – unmodisch aber zeitlos.